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GARP. Olga tape

3.00 On sale

Image of GARP. Olga tape

recorded back in 1996
edition of 50 copies
numbered fullcolour sheets
with hot cat stickers !!

1996 klingt so nah, zumindest für mich tut es das noch. Stimmt natürlich nicht, weil Ewigkeiten her. Damals gab beispielsweise der Englischlehrer Volker Rühe den Verteidigungsminister ("Lieblingsbuch: Catcher in the rye"), der Mainstream der Minderheiten ist kurz davor, es sich auf der rot-grünen Cocktailparty einer irgendwie digitalen und merkwürdigerweise sich als Boheme verstehenden Armada von Berufszwanzigjährigen bequem zu machen. Nein, 1996 war die marktwirtschaftliche Welt noch strikt analog im rheinischen Kapitalismus zu Hause. Und erst einmal die Unterhaltungsindustrie: Blur gegen Oasis auf der einen Seite des Atlantiks, Pavement an der anderen Küste. Die vermeintlich Cleveren lauschten GOLDIE und sprachen vom Ende und der Reformulierung popkultureller Sounds. Electro flößte schon rein phänotypisch Ehrfurcht ein. Und es wurden noch Tonträger gekauft, dass die Schwarte nur so krachte!...

Das liest sich heutzutage dann alles doch etwas unaufgeregter als zu dieser Zeit. Was nun technisch und theoretisch in der Zwischenzeit passiert ist, soll hier nicht weiter interessieren, denn der Blick hier muss sich vom allwissenden Standpunkt des Internet 2.0-Zeitgenossen in die Provinz richten.
Die Provinz war damals immer für Mini-Kanonisierungen gut - vorausgesetzt, es gab mindestens ein Zugpferd. "Weilheim" mit Notwist beispielsweise, oder die "Ostwestfalen-Connection" um den Dunstkreis der SpeedNiggs nachfolgenden Bands. "Bad Salzuflen" und das FastWeltweit Label als noch früheres Exempel, zeigt die Zuschreibung einer bestimmten Qualität, nachdem ein paar Oberstufenschüler das Weite gesucht haben, raus aus diesem so unfassbar öden Fleck menschlichen Siechtums. Ganz egal, wie es dort tatsächlich ausschaut. Der Erfolg der einzelnen Band hatte eine Umkehrung der Verhältnisse zur Folge, die Verortung eines bestimmten Sounds in Ortsnamen. Das war eine beliebte Denkfigur in den 90ern.

Ohne Zugpferd allerdings blieben die Landstriche so naturbelassen wie unbekannt. Landshut, Verden, Memmingen, oder Bad Oeynhausen, vermeintlich unbeschriebene Flecken auf der Landkarte, bildeten ein Cluster der Bedeutungslosigkeit.Das tun sie heute natürlich weiterhin. Aber geographische Herkunft ist ja nun eine Dimension, die wirklich keinen mehr so richtig interessiert.
Was nach all den Jahren festzustellen bleibt: Diese Wahrnehmung produzierte weiße Flecken, Bands blieben unbeachtet, die nicht zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort waren. Die aber in ihrem lokalen Status einen teilweise atemberaubenden Sound schufen. Dort standen sie, es gab sie!

Die Wiederveröffentlichung des Olga-Tapes von GARP erfüllt mich mit großer Freude. Eine Herzensangelegenheit, fürwahr. Die Kassette ist mein treuer Begleiter der letzten fünfzehn Jahre. Zu keinem Zeitpunkt hat der Zahn der Zeit der Begeisterung Abbruch geleistet. Ganz im Gegenteil: Mit den Jahren und all den zwischenzeitlichen Ernüchterungen an Bands, die ich mochte und mir dann immer egaler wurden, wusste ich in diesem Fall: Dieses Tape ist großartig. Ich muss bis zum heutigen Tage an der Stelle schmunzeln, in der die Maultrommel einsetzt, oder die Blechbläser in ihren Einsätzen in Dissonanz aufgehen. Das alles ist so beherzt und kess, so unbeschwert sich aller Mittel bedienend. Es hat Humor und die große Melodie inne, ist schlau, aber nie besserwisserisch. Für mich ein großer Moment- auch wenn diesen nur eine Handvoll von Menschen mitbekommen haben, dort in der Provinz.

Früher holten die Leute daheim immer PAVEMENT als Vergleich hervor. Aber das sagte ja nie etwas aus, so wie es heute nichts aussagt, wenn man "Post-Punk" ausspricht, oder "Gang Of Four" als Vergleich nennt. Ich sah in dem Tape stets einen Riesenwurf in Sachen guter Popsongs. Und lustigerweise kann man die Songs heute aus der zeitgenössischen Brille eben auch ganz anders lesen. Pavement? Ja vielleicht, aber erst, wenn diese dann drei Tage vorher Television Personalities, die (etwas) späteren WIRE und Orange Juice gehört haben. Die beiden ersten Bands haben sich reformiert, letztere wurden in diesen Tagen komplett (und vollkommen zu Recht) neuveröffentlicht. Was sagt uns das? Der Zeitgeist ist eine gummiartige Masse, die sich über zwanzig Jahre ausdehnen lässt.